Wie lange wartet man auf ein Spendeorgan?

Autor:in

Swisstransplant

Veröffentlichungsdatum

8. Januar 2026

Geändert

8. Januar 2026

HinweisDas Wichtigste in Kürze
  • Die mediane Wartezeit auf eine Niere für eine zwischen 2016 und 2025 neu gelistete Person betrug in der Schweiz knapp 3 Jahre. Für andere Organe waren die Wartezeiten in der Regel kürzer und lagen zwischen 0.6 und 1.6 Jahren.

  • Die mediane Wartezeit für Herz-, Lungen- und Nierentransplantationen nahm in den letzten 12 Monaten ab. Bei Lebertransplantationen blieb die Wartezeit unverändert.

  • Es gibt viele Faktoren, welche die Wartezeit auf ein Organ beeinflussen können, wie z.B. die Organverfügbarkeit, die medizinische Dringlichkeit oder die Blutgruppe.

Swisstransplant beobachtet die Entwicklung der Warteliste und berechnet die Wartezeiten für Transplantationen mit Organen von spendenden verstorbenen Personen. Die hier angegebenen Wartezeiten basieren auf allen von 2016 bis 2025 in der Schweiz neu gelisteten Personen, aber jede Patientin, jeder Patient ist anders. Die individuelle Wartezeit kann deutlich kürzer oder länger sein. Sie hängt von der Organverfügbarkeit, der medizinischen Dringlichkeit, der Blutgruppe und je nach Organ von weiteren Faktoren wie Alter oder Gewicht ab.

1. Wahrscheinlichkeit der Transplantation

Die Wahrscheinlichkeit einer Transplantation kann als Kurve über die Zeit dargestellt werden (Abb. 1). Die Kurve beginnt bei einer Wahrscheinlichkeit von 0 im Moment der Listung und steigt im Laufe der Wartezeit an, erreicht aber nie den Wert 1, da nicht alle Personen transplantiert werden. Aus der Kurve lassen sich einzelne Werte ablesen, z.B. die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines Jahres transplantiert zu werden, oder die Wartezeit, nach der die Wahrscheinlichkeit einer Transplantation 50 % beträgt (mediane Wartezeit).

Abbildung 1: Kumulative Inzidenzkurven des Ereignisses Transplantation für die verschiedenen Organe A–E (mit 95 %-Konfidenzband). Die Kurven zeigen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person innerhalb eines bestimmten Zeitraums nach der Aufnahme auf die Warteliste transplantiert wird. Das Kreuz markiert die mediane Wartezeit bis zur Transplantation, d.h. die Wartezeit, nach der die Wahrscheinlichkeit einer Transplantation 50 % beträgt.

2. Mediane Wartezeit bis zur Transplantation (MTT)

Als einzelner Kennwert lässt sich die mediane Wartezeit bis zur Transplantation (MTT) aus den vorherigen Kurven ablesen (Tab. 1). Sie entspricht der Wartezeit, bis zu der die Hälfte der Personen ein Organ erhielten und berücksichtigt alle gelisteten Personen, nicht nur Transplantierte. Für viele Organe ist die aktuelle Wartezeit inzwischen kürzer als der angegebene MTT-Wert, da sich der Trend günstig entwickelt.

Tabelle 1: Mediane Wartezeit bis zur Transplantation (MTT) und 95 %-Konfidenzintervall (KI) aller neu gelisteten Personen zwischen 2016–2025.
MTT in Jahren 95 %-KI
Herz 0.91 0.74–1.13
Lunge 0.61 0.35–0.85
Leber 1.38 0.95–1.59
Niere 2.94 2.60–3.32
Pankreas/Inselzellen 1.57 0.92–1.87

3. Veränderung der Wartezeit über die Zeit

Zur Beurteilung der zeitlichen Entwicklung der Wartezeit wird die Transplantationsrate (Hazard-Rate, siehe Box) herangezogen (Abb. 2). Sie zeigt je nach Organ unterschiedliche Trends: Für Herz, Lunge, Niere und Pankreas/Inselzellen ist ein positiver Trend erkennbar, während bei der Leber in den letzten Jahren ein ungünstiger Trend zu beobachten war, der sich inzwischen zu stabilisieren scheint.

Abbildung 2: Entwicklung der Transplantationsrate in den letzten Jahren (mit 95 %-Konfidenzband). Bei Herz, Lunge, Niere, und Pankreas/Inselzellen ist ein Anstieg der Transplantationsrate zu verzeichnen, der sich günstig auf die Wartezeiten auswirkt.
HinweisWas ist eine Hazard-Rate?

Die Hazard-Rate in der medizinischen Statistik beschreibt die Rate, mit der ein Ereignis wie eine Transplantation in einem kurzen Zeitintervall eintritt – unter der Voraussetzung, dass es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingetreten ist. Die Hazard-Rate kann als die momentane Intensität des Ereignisses verstanden werden.

Die Hazard-Rate ist keine Wahrscheinlichkeit, sondern eine Rate, die angibt, wie oft das Ereignis pro Zeiteinheit erwartet wird – ähnlich wie beim Betrachten der Geschwindigkeit eines Autos. Es geht also darum, wie schnell etwas gerade passiert. Wenn wir Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation betrachten, beschreibt die Hazard-Rate, mit welcher Rate eine Person genau in diesem Moment ein Spenderorgan erhält – unter der Voraussetzung, dass sie noch wartet.

4. Wahrscheinlichkeit der verschiedenen Ereignisse

Die Transplantation ist das häufigste Ereignis, aber es kann auch vorkommen, dass Personen auf der Warteliste versterben oder von der Liste genommen werden (Delisting). Für diese drei Ereignisse lassen sich Kurven erstellen, aus denen die Wahrscheinlichkeiten abgelesen werden können. Tab. 2 bis 6 zeigen die Werte für die ersten 5 Jahre nach Listung.

Die angegebenen Wahrscheinlichkeiten basieren auf allen in den Jahren 2016–2025 neu gelisteten Personen. Die Wahrscheinlichkeit von kürzlich gelisteten Personen können besser sein, da Spende- und Allokationsprozesse kontinuierlich optimiert werden.

Herz-Warteliste

Tabelle 2: Ereigniswahrscheinlichkeiten auf der Herz-Warteliste. Die Wahrscheinlichkeit, innerhalb des ersten Jahres transplantiert zu werden, beträgt 52 %, während das Sterberisiko bei 9 % liegt.
1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre
Transplantation 0.52 0.64 0.70 0.74 0.75
Versterben 0.09 0.12 0.12 0.13 0.13
Delisting 0.04 0.06 0.06 0.08 0.09
Warten 0.35 0.19 0.11 0.04 0.03

Lungen-Warteliste

Tabelle 3: Ereigniswahrscheinlichkeiten auf der Lungen-Warteliste.
1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre
Transplantation 0.61 0.78 0.83 0.84 0.84
Versterben 0.07 0.08 0.09 0.09 0.09
Delisting 0.03 0.04 0.05 0.05 0.06
Warten 0.28 0.09 0.03 0.01 0.00

Leber-Warteliste

Tabelle 4: Ereigniswahrscheinlichkeiten auf der Leber-Warteliste.
1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre
Transplantation 0.39 0.60 0.65 0.66 0.67
Versterben 0.12 0.14 0.16 0.17 0.17
Delisting 0.04 0.09 0.11 0.13 0.14
Warten 0.45 0.16 0.08 0.04 0.03

Niere-Warteliste

Tabelle 5: Ereigniswahrscheinlichkeiten auf der Nieren-Warteliste.
1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre
Transplantation 0.22 0.36 0.51 0.60 0.70
Versterben 0.02 0.03 0.05 0.05 0.06
Delisting 0.01 0.03 0.05 0.06 0.07
Warten 0.76 0.57 0.40 0.28 0.16

Pankreas/Inselzellen-Warteliste

Tabelle 6: Ereigniswahrscheinlichkeiten auf der Pankreas/Inselzellen-Warteliste.
1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre 5 Jahre
Transplantation 0.40 0.59 0.69 0.71 0.76
Versterben 0.00 0.03 0.04 0.04 0.05
Delisting 0.02 0.04 0.05 0.07 0.10
Warten 0.58 0.34 0.21 0.17 0.09

5. Transplantationsrate der letzten 12 Monate

Es ist möglich, die Transplantationsraten für verschiedene Listungszeitpunkte zu vergleichen. Wir berechnen den Unterschied zwischen Personen, die Mitte 2025 und Mitte 2024 gelistet wurden (Hazard Ratio, siehe Box).

Bei Herz- und Lungen stieg die Transplantationsrate für Mitte 2025 gelistete Personen um den Faktor 1.34 bzw. 1.29, was einer Erhöhung um 34 % bzw. 29 % entspricht. Bei Nierentransplantationen lag die Steigerung bei 17 %, während die Lebertransplantationsrate unverändert blieb. Für Pankreas- und Inselzelltransplantationen gibt es nur schwache Hinweise auf eine Verbesserung, da die Unsicherheit aufgrund der geringen Fallzahlen hoch ist (Tab. 7).

Tabelle 7: Das Hazard Ratio vergleicht die Transplantationsrate für Listungen Mitte 2025 mit Mitte 2024.
Organ Differenz Hazard Ratio 95 %-KI
Herz 2024.5–2025.5 1.34 1.13–1.59
Lunge 2024.5–2025.5 1.29 1.08–1.55
Leber 2024.5–2025.5 0.99 0.87–1.12
Niere 2024.5–2025.5 1.17 1.03–1.32
Pankreas/Inselzellen 2024.5–2025.5 1.32 0.94–1.86
HinweisWas ist ein Hazard Ratio?

Das Hazard Ratio ist das Verhältnis der Hazard-Raten zwischen zwei Gruppen und gibt an, wie viel höher oder niedriger das Risiko für ein Ereignis (z. B. eine Transplantation) in der einen Gruppe im Vergleich zur anderen ist. Auch hier hilft das Beispiel der Geschwindigkeit: Wenn ein Auto auf einer Strecke doppelt so schnell fährt wie ein anderes, dann ist das Verhältnis der Geschwindigkeiten 2.

Beispiel: Angenommen, das Hazard Ratio für Personen, die Mitte 2025 gelistet wurden, beträgt gegenüber Mitte 2024 den Wert 1.5. Das bedeutet, dass ihre Transplantationsrate um 50 % höher ist als im Vorjahr.

Methodik

Swisstransplant hat alle zwischen Anfang 2016 und Ende 2025 neu gelisteten Personen ausgewertet: 548 auf der Herz-Warteliste, 585 auf der Lungen-, 2102 auf der Leber-, 2790 auf der Nieren- und 208 auf der Pankreas/Inselzellen-Warteliste. Bis Ende 2025 haben 396 Personen ein Herz, 461 eine Lunge, 1261 eine Leber, 1653 eine Niere und 143 Personen eine Pankreas- oder Inselzellen-Transplantation erhalten.

Für die Ergebnisse in den Kapiteln 1, 2 und 4 wurden Mehrstadienmodelle mit dem Aalen-Johansen-Schätzer verwendet. Für die Ergebnisse in den Kapiteln 3 und 5 wurden ereignisspezifische Hazard-Modelle angepasst, wobei das Listungsdatum als erklärende Variable diente.

Literatur

Schwab S, Elmer A, Sidler D, Straumann L, Stürzinger U, Immer F. Selection bias in reporting of median waiting times in organ transplantation. JAMA Netw Open. 2024;7(9):e2432415. doi:10.1001/jamanetworkopen.2024.32415

FAQ – Häufig gestellte Fragen

Das Thema Warteliste ist sehr komplex. Daher beantworten wir die häufig gestellten Fragen.

Wieso ist das Thema Warteliste und deren Analyse komplex?

Die Warteliste ist nie abgeschlossen, da ständig neue Personen hinzukommen. Wir kennen für jede Person das Listungsdatum, aber es gibt keinen Zeitpunkt, an dem alle Personen abschliessend beobachtet werden können. Für einige wissen wir, wann die Transplantation eingetreten ist, für andere nur, dass es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht passiert ist. Dies nennt man rechtszensierte Daten – das bedeutet, dass der genaue Zeitpunkt des Ereignisses (z. B. einer Transplantation) für manche Personen noch unbekannt ist.

Solche Daten erfordern spezielle Verfahren der Biostatistik, insbesondere aus der Analyse von Überlebenszeiten. Zudem gibt es auf der Warteliste sogenannte konkurrierende Risiken: Wenn eine Person von der Liste entfernt wird oder verstirbt, kann die Transplantation nicht mehr als Ereignis eintreten. Auch dies muss in der Analyse berücksichtigt werden, mithilfe erweiterter Verfahren der Überlebenszeitanalyse mit konkurrierenden Risiken, die mehrere mögliche Ereignisse erlauben.

Warum kann man nicht alle in einem bestimmten Jahr transplantierten Personen auswählen und rückwirkend deren Wartezeit berechnen?

Es wäre problematisch, die Patientengruppe anhand des Ergebnisses auszuwählen. Dadurch werden nur transplantierte Personen berücksichtigt, während alle, die noch auf ein Organ warten, von der Liste genommen wurden oder verstorben sind, ausgeschlossen blieben. Ein solcher “Selektionsbias” würde die Ergebnisse verfälschen – meist in Richtung einer zu optimistischen Einschätzung der Wartezeiten.

Deshalb wählen wir die Studienpopulation nicht nach dem späteren Outcome, sondern anhand des Zeitpunkts der Listung.

Wie ist die mediane Wartezeit bis zur Transplantation (MTT) genau zu interpretieren?

Sie entspricht der Wartezeit, nach der die Wahrscheinlichkeit einer Transplantation 50 % beträgt. Bei der Niere ist die MTT knapp 3 Jahre; es kann also davon ausgegangen werden, dass nach ca. 3 Jahren 50 von 100 Personen eine Niere erhalten.

Im Prinzip ist die MTT die mittlere Wartezeit für eine Person, über die wir kaum etwas wissen – ausser dass sie für eine Organtransplantation gelistet wurde. Wir wissen nicht, ob es sich um ein Kind oder einen Erwachsenen handelt, welches Geschlecht die Person hat, ob eine hohe medizinische Dringlichkeit besteht, welche Blutgruppe vorliegt, oder ob die Person inaktive Wartezeit haben wird. All diese Faktoren beeinflussen die individuelle Wartezeit erheblich, sodass diese in der Realität deutlich kürzer oder länger als die MTT sein kann.

Können auch individuelle Wartezeiten abgeschätzt werden?

Eine individuelle Abschätzung, die Faktoren wie Blutgruppe, Alter oder Gewicht berücksichtigt, wird in Zukunft mit erweiterten Modellen möglich sein. Die Faktoren, welche die Wartezeit beeinflussen, können von Organ zu Organ unterschiedlich sein.

Warum wird die inaktive Zeit bei der Berechnung der medianen Wartezeit bis zur Transplantation (MTT) ignoriert?

Personen auf der Warteliste können aus medizinischen Gründen, z.B. einer Infektion, vorübergehend inaktiv werden und werden in dieser Zeit nicht transplantiert. Bei der Analyse der nur aktiven Zeit würden die Wartezeiten zu optimistisch ausfallen. Viele Patienten erleben inaktive Phasen, und diese zu ignorieren würde eine unrealistische Annahme schaffen. Daher wird für die inaktive Zeit nicht korrigiert.

Wie lang wäre die mediane Wartezeit bis zur Transplantation (MTT) für Personen, die heute neu gelistet werden?

Das ist eine schwierige Frage, da sie einen Blick in die Zukunft erfordert. Wir beobachten die Transplantationsraten im Laufe der Zeit und studieren deren Entwicklung. In der Regel verbessern sich die Wartezeiten für die meisten Organe, das heisst, sie werden kürzer. Swisstransplant arbeitet daran, mit erweiterten Methoden in Zukunft solche Abschätzungen machen zu können.